Rau, karg und gleichzeitig satt und vollmundig. Das Londoner Duo Big Deal (Alice Costelloe und Kacey Underwood) haucht seine bitter-süssen Popsongs, die nur von einer elektrischen- und Akustikgitarre begleitet werden, scheinbar schüchtern und verschwiegen dahin. Doch dies hier ist Pop, der zwar in einer intimen Athmosphäre entstanden ist, der aber nur darauf wartet, dass er ausbricht; dass jemand die Tür weit aufstösst und sie nach draussen trägt. Stellt euch die Musik von Billy Bragg vor, von schönen Menschen gespielt.
Schon goldig wie Sharon van Etten da auf diesem Bild in der Wanne hockt. Soll das Freizügigkeit darstellen oder gar Verruchtheit? Und was sagt dann dieses Bild über ihre Musik aus? Die “New York Times” sagt, dass sie ordentlich Gitarre spielt und gute Texte schreibt. Ich sage: sie wird 2012 die neue PJ Harvey oder EMA. Wenn der Preis noch zu vergeben sein sollte.
Oh nein! Ist das Simon & Garfunkel? Ach doch nicht, sind ja diese schräg-grossartigen of Montreal, die es doch glatt schaffen 3 komplette Alben in ein einziges Lied zu packen. Und schnell schunkeln wir dann auch zu 7 Minuten “Winter debts”, nur um dann in der nächsten Minute im psychedelischen Nebel fest zu stecken. Etwas viel auf einmal.
Innovativ? Träum’ weiter! Da bleiben Totally Enormous Extinct Dinosaurs doch lieber ganz auf der sicheren Seite. Und “Dream on” klingt dann auch nicht wie Synth-Pop à la 1983, sondern eben nur wie eine Vorstellung davon.
Es scheint ja nun schon fast zum guten Ton zu gehören, dass man, wenn man Musik nicht nur hört sondern auch noch darüber schreibt, über die besprochene Band mindestens eine Anekdote zu erzählen weiss. Eine packende Story, die man den geschätzten Lesern – anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – dann wie beiläufig mitteilt. Meistens geht es in diesen Geschichten um allerlei Unwägbarkeiten zu Beginn der Karriere und um die wahnwitzigen Zufälle, die dazu geführt haben, dass besagte Band nun doch noch ihre Debüt-LP herausbringen konnte.
Über The war on drugs gibt es keine Geschichte zu erzählen. Jedenfalls kenne ich keine, die ich erzählen könnte. Denn Gott sei dank erzählen sie, mit jedem melancholischen Lied, mit jeder euphorischen Hymne, jedem optimistischen Rock und jedem Instrumentalstück eine ureigene Geschichte, die sich wie dieses “Come to the city” in den unterschiedlichsten Stilen ausdrückt. Wie ein Konzeptalbum, das scheinbar gar kein Konzept hat. Und es deshalb so besonders macht.
“The most beautiful music I’ve heard in ages” sagt Invisible Oranges (ein Metal-Blog!) zu den 5 Minuten 21 Sekunden, die sich The Nocturnes durch “Love” schleppen. Schöne Musik also, die uns mit in die tiefsten Tiefen der Melancholie reisst? Im November ist ja alles möglich.
Coolrunnings klingen wie der perfekte Pop: Jubilierende Synths, eine Gitarre wie sie Ricky King nicht besser gespielt haben dürfte und eine Stimme, die da hingeht, wo es weh tut. Das ist schon ziemlich ansteckend.
Apropos Pop-Perfektion, wer hat nicht alles versucht, sie zu erreichen? Auf diesem Musik Blog gab und gibt es ja schon einige Beispiele, wo dies mehr oder weniger versucht wurde – mit wechselndem Erfolg. Hinter dem Link gibt es mit “Rusk” ein weiteres Beispiel.
Oh, Shoegaze aus Japan und die Pferde sind auch süß. Sind wir hier jetzt bei Wendy? Nein! Das Duo Tashaki Miyaki ist – seit ihrem Everly Brothers’ Cover “All I Have to Do is Dream” zu Beginn des Jahres – ganz frischer Buzz aus Kalifornien: dunkel, schwer und mit der vollen Ladung Sehnsucht für die gepeinigte Herbstseele.
Mehr lo-fi, Hall und Fuzz für Bremen! Ich kündige hier ja nicht häufig Konzerte an. Und wenn ich ehrlich bin, dann liegt mir auch nicht besonders viel daran, hier nur die Durchreiche für Tourneedaten zu spielen; zu einer Zeit, wo die Konzertflut immer weiter ausufert.
Doch wenn The Babies und Weekend gleichzeitig hier in diesem Bremen sind, dann mache ich mal eine Ausnahme und wünsche mir gleichzeitig, dass ich Einige von Euch morgen, also am 24.11. um 21.00 Uhr in der Spedition sehen werde. Meet you in the city!
Wir haben eine Fuzzbox und wir werden sie benutzen, scheinen die verstörenden Kanadier von Odonis Odonis zu denken, wenn sie mit einer Überdosis Hall, treibenden Bässen und einer rumpligen Drummachine ihr “Blood feast” feiern. Stellt Euch dies jetzt einmal wie die Musik eines Nathan Williams von Wavves vor, den man nicht andauernd ohrfeigen möchte.
Wie es dieser Isländer Sin Fang immer wieder schafft aus dem kargen, kalten Stück Erde Islands solch eine quietsch-fröhliche Musik hervorzuholen, das bleibt mir ein Rätsel. Doch hört selbst…
Die Zeit rückt immer näher für die (nicht immer von allen geliebten aber doch unvermeidlichen Jahresendlisten): Welche Band wurde – zurecht oder unrecht – am meisten gehypt? Was ist das beliebteste Indie Blog? Welche neue CD sollte man gehört haben? Welche Wiederveröffentlichung war wichtig? Fragen über Fragen.
Und wenn ich mir die Blogs anschaue, die bereits schon jetzt beginnen, an ihren Listen zu feilen, möchte ich – neben Craft Spells, Gold-Bears, Yuck, Cassettes won’t listen, Gauntlet Hair, Austra, M+R und vielen Anderen – den herrlich spacig-abgedrehten Neon Indian nennen, dessen Sammelsurium Era Extrana perfekt in ein 2011 voller Vintage, Retro, Instagram und einer allgemeinen Ungewissheit passt, das sich durch Zitate und Anleihen an die vergangenen Jahrzehnte selbst über das Jahr gerettet hat.