Von am 20. Januar 2013 in Schalt den Geist ein

Was heisst komplett? Über manch Dummheit bei der Musikvermarktung

Dieser Tage veröffentlichte die Plattenfirma (und/oder das Promoteam) einer deutschen Band mit großem medialen Schützenfeuer ein „komplettes Album“ vorab als Internet-Stream – mit je 1 Min. 30 von jedem Song. In Worten: eine Minute und dreissig Sekunden! Nun vermute ich mal, ohne natürlich genaueres darüber zu wissen, dass eine Band wie Tocotronic keine Lieder schrieb oder schreibt, die genau 01:30 Min. dauern – obwohl diese Idee natürlich spannend sein könnte. Nein, das Attribut „komplett“, das eigentlich nur noch durch das vollkommen leere Vermarktungs-Attribut „exklusiv“ (sprich: alle Blogs veröffentlichen gleichzeitig etwas „exklusiv“) zu toppen wäre, wird von den Vermarktern benutzt, um eine willkürlich beschnittene Version als komplett* anzubieten. Halb ist das neue voll?

Nun ist das natürlich alles nichts Neues: Schon seit langer Zeit besteht bei großen digitalen Musikverkäufern die Möglichkeit, Musik vor dem Kauf „vorzuhören“; das bedeutet, dass ich zwischen 30 und 60 Sek. sog. Snippets vorgesetzt bekomme, die mir einen Eindruck von dem vermitteln möchten, was da sein kann, bzw. was da noch kommt.

Nun drängen sich mir Fragen auf, die ich für mich leider nicht beantworten kann:

1. Warum genau 01:30 Minuten? Was zeigen mir diese 01:30 Minuten genau? Warum nicht 01:50 Minuten oder 01:20 Minuten?

2. Warum können die nicht, was andere Vermarkter können: ein komplettes Album, komplett als Stream anbieten? Haben die Vermarkter etwa Angst, ich könnte für mich selbst einen miserablen Stream rippen und/oder als MP3 mit 32/64 kbit ins Internet stellen?

3. Kommt nach diesen 01:30 Minuten etwa nichts mehr im Lied? Ist das Pulver dann verschossen, wird es danach „langweilig“?

4. Müssen die etwa – wenn viele 10.000 oder mehr hören – Bandbreite (=Geld) sparen? Dann sähe es dunkel aus für die Plattenfirmen…

5. Oder ist es etwa die GEMA, die eh an allem schuld sein soll?

* Würde man dieser Logik folgen, hätten die Ramones ihre Alben, die häufig aus bewusst knapp gehaltenen 2- Minuten-Liedern bestanden, wohl nur mit 4-Sekunden-Snippets vorab als Stream bereit stellen können…

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